Broschüre
Erinnerungen Marienbrunn


Lieber Leser,
Herr Frank Müller, ehemaliger Marienbrunner, hat uns in mehreren Briefen seine Erlebnisse in Kindheit und Jugend in Marienbrunn berichtet, die wir auf mehrere Mitteilungsblättern verteilt, etwas sortiert und gekürzt veröffentlicht haben.

Wir hoffen, dass es Sie genau so fesselt wie uns, vom früheren Leben in und um Marienbrunn zu erfahren.

Erinnerungen Marienbrunn (Teil 1) - die Zeit vor 1945

von Frank Müller, 29. März 2016

Nun zu mir. Ich bin am 4. Februar 1937 geboren. Es war eine Hausgeburt in der 3- Zimmerwohnung meiner Eltern am Bogen 15, oben links.

Meine Eltern hatten sich frühzeitig in die Genossenschaft Marienbrunn eingekauft. Bis zu meinem 7. Lebensjahr lebte ich dort, Am Bogen 15, mit meinen Eltern und meinem 4 Jahre älteren Bruder. Mein Vater war selbständiger Handwerksmeister und betrieb mit Freunden einen KFZ-Reparatur-Betrieb im Osten der Stadt, Commeniusstrasse. Meinen Eltern ging es wirtschaftlich sehr gut. Wir hatten ein eigenes Auto, Wanderer-Coupé und auch sonst ein bisschen Luxus. Das endete dann, als mein Vater seinen Betrieb aufgeben musste und 1944 im September eingezogen wurde. Er war zunächst als Techniker in Brandis und wartete dort die Messerschmidt-Düsenjäger.

Unser Garten grenzte an das Grundstück der Familie Hagen. Da die Tochter des Ehepaars Hagen keine Geschwister hatte, war Inge fast täglich bei uns. Inge Hagen war im gleichen Jahr geboren. Wir gingen später zusammen in die 63. Grundschule an der Märchenwiese. Der Vater von Inge, Dr. Hanno Hagen, war Rechtsanwalt und NSDAP-Mitglied. Die Hagens waren ein wenig "abgehoben", doch meine Eltern verstanden sich sehr gut mit Ihnen. Mein Bruder und ich waren ständig in der Hagen-Villa (so nannte man seinerzeit ihr Haus) und Inge war für uns wie eine Schwester.

Mein Vater hatte 1942 unbedachte Äußerungen über den NS-Staat gemacht und seine jüdischen Freunde in Schutz genommen. Eines Tages stand die SS vor unserem Haus und wollte meinen Vater festnehmen und ins KZ bringen. Dr. Hagen verhinderte dies.

Übrigens, der Großvater von Inge Hagen, war der Gründer von Marienbrunn. Daher der Konrad-Hagen-Platz. Marienbrunn hatte eine wunderbare soziale Mischung. Sie bestand aus Unter, Mittel- und Oberschicht. Sehr viele Intellektuelle lebten in Marienbrunn. Mein Mitschüler und Spielkamerad Martin Hund, war der Sohn des berühmten Mathematikers und Physikers Hund. Er entwickelte die Hund'sche Formel. Die Familie ging später nach Jena und von dort nach Frankfurt. Familie Hund wohnte am Lerchenrain neben dem Weg zum Gartenverein Süd-Ost.

Am Arminiushof wohnte Familie Jolles-Wackernagel. Wackernagels hatten 6 Kinder. In ihrem Haus ging es stets lebhaft zu. Es wurden Theaterspiele für Kinder veranstaltet und Lesungen mit anspruchsvoller Literatur für Kinder. Andreas Wackernagel war ein Spielgefährte von mir. Ich war oft in seinem Elternhaus. In ihrem, hinter dem Haus liegenden Garten, sah man die Familie oft splitternackt. Das zog alle neugierigen Jungen und Mädchen an, bis dann einmal ein Sichtschutz aufgestellt wurde. Wackernagels flüchteten alle auf Fahrrädern 1950 nach Westberlin.

Am Denkmalsblick vis a vis der Verwaltung wohnte Prof. Mertens. Er war Zoologe und hatte unter dem Dach des Hauses meterlange Aquarien mit seltenen exotischen Fischen. Wir hielten uns oft lange bei dem alten Professor auf, der uns auch mit seinem beheizten Gewächshaus in die Geheimnisse exotischer Pflanzen einführte. Sein Sohn Robert Mertens ist der weltbekannte Forscher der Riesenechsen, Warane. Er hat sich lange auf Borneo aufgehalten und viele Bücher herausgebracht.

Gegenüber von uns, wir wohnten später Am Bogen 5, wohnte Marieluise Henkel. Sie lebte getrennt von ihrem Mann Nölting, der Ministerpräsident von Niedersachsen war. Frau Henkel war Sozial-Demokratin und führte mich frühzeitig in das Basisdenken der Sozialdemokratie ein. Sie war sehr liebenswert, hochgebildet und menschenfreundlich. Ihr Sohn Irmin Henkel der mich auf den Schultern durch Marienbrunn trug, lebte später als Maler in Südafrika. Viele seiner Werke sind dort in öffentlichen Gebäuden zu sehen.

Zu erwähnen ist auch die Familie Meiner, Dohnaweg. Sie hatten ein schönes, etwas zurück gesetztes Haus, mit großem Garten. Meiners hatten einen Verlag in Leipzig und gingen später nach Westdeutschland. Es gab auch Originale in Marienbrunn.

Das war auch Fräulein Bodenstein. Sie wohnte rückwärtig vom Hause der Familie Buschnakowski. Mit meinem Schulfreund Peter Kühnert erhielten wir bei ihr Englisch- und Französisch-Unterricht. Sie war verwandt mit dem großen Admiral Nelson (Schlacht bei Trafalgar). Als sie einmal in die Stadt wollte und die Straßenbahn Linie 16 bereits anfuhr, verlor sie ihren Schlüpfer. Sie zog ihn auf der Straße aus und sprang auf die schon anfahrende Bahn. Die Leute amüsierten sich köstlich und klatschten Beifall.

Der Alltag in Marienbrunn in meiner Kindheit und Jugend war von vielen Faktoren bestimmt. Es ging auch nach 1945 ums Überleben. Man aß Brennesselsuppe oder machte für die ganze Familie eine Suppe aus einer einzigen Kartoffel, die roh in das kochende Wasser gerieben wurde. Es entstand ein zäher Schleim. Da es auch keine Kohle mehr gab, verschwanden oft über Nacht die Staketenzäune vor den Häusern. Um es warm zu haben, wurde alles verbrannt, dessen man habhaft werden konnte. In der Dämmerung im Winter gingen abends der Professor von nebenan und die allein erziehende Hausfrau mit einem Rucksack zum Kohlenklauen in den Rangier-Bahnhof beim bayerischen Bahnhof. Viele sind dabei ums Leben gekommen, wenn sie zwischen die rangierenden Waggons gerieten.

In der Gaststätte Marienbrunn Am Bogen, waren Italiener der Badoglio-Armee interniert. Tagsüber mussten sie nach Connewitz marschieren, um dort in einer Fabrik Maschinenteile (Wahrscheinlich Waffen) herzustellen und zu montieren. Mein Vater hatte sich mit einem der Italiener angefreundet. Er war oft bei uns und mein Vater bat ihn, auf uns aufzupassen, wenn er an die Front eingezogen wird. Dieser Italiener hat uns sehr geholfen. Nach Kriegsende war er täglich bei uns, bis zu seiner Rückkehr nach Italien 1946. Als das Völkerschlachtdenkmal von den Amerikanern leergeräumt wurde, brachte uns Sebastian Botticelli einen Doppelzentner Zucker ins Haus. Damals ein Vermögen. Meine Mutter konnte dann den allseits begehrten Zucker gegen andere Lebensmittel eintauschen.

In Marienbrunn gab es damals am Dohnaweg die Fleischerei Kleeberg und auf der anderen Seite Ecke Turmweg das Lebensmittelgeschäft Leonhard. Dahinter befand sich eine Molkerei, wo man täglich Frischmilch im Krug, Joghurt und Molke einkaufen konnte. Am Bogen Ecke Denkmalsblick war der Lebensmittelladen von Böschs. Am Bogen, Ecke Turmweg der Laden von Familie Feustel, die auch Gemüse verkauften.

Am Ende des Denkmalsblicks war der Garagenhof. Dort betrieb Herr Ermer eine Wäscherei, weiter vorn zum Lerchenrain hin waren ein Schumacher und der Gemüsehändler Krause. Krauses kamen jeden Tag mit ihrem Traktor von Holzhausen um ihr Gemüse feilzubieten.

An der Zwickauer Str. befand sich ein Fischgeschäft Böse. Foto Günther und ein Bäckerladen der Bäckerei Schmidt. Daneben eine Drogerie. Auf der anderen Seite der Gemischtwarenladen Gloge. Dort konnte man vom Schreibheft bis zur Leimtube verschiedenes einkaufen. Ein paar Schritte weiter der Tabakladen von Frau Hirsch und der Lebensmittelhandel Kretzschmer. Vorn, an der Ecke der Friseur.

In dem größeren Haus der Baumessesiedlung, nahe der Holzbrücke, über die früher die Linie 16 fuhr, befand sich in einem flachen Anbau eine Wäschemangel. Nach dem Waschen der Bettwäsche fuhren wir mit einem kleinen Wägelchen dorthin. Die Mangel war ein sehr großes Gerät. Die Bettwäsche musste auf eine Holzrolle zusammen mit schweren Leintüchern gewickelt werden. Diese dicke und schwere Rolle musste dann unter das tonnenschwere Gewicht der Mangel sorgfältig eingelegt werden. Dann schloss man das Schutzgitter und die Mangelgewichte fuhren dann mehrere Male hin und her. Die entnommene Bettwäsche war dann glatt und konnte zu zweit zusammengelegt werden.

Nach den Bombenangriffen Ende der 40iger Jahre musste man schauen, was am Haus alles entzwei gegangen war. In der Regel mussten mehrere Fensterscheiben ausgewechselt werden. Wenn kein Glas beim Glaser mehr vorhanden war, wurde dicke Pappe genommen. Je nachdem welche Bombenattacke abgelaufen war, mussten die Dächer repariert werden. Marienbrunn kam meist glimpflich davon. Trotzdem wurden mehrere Häuser zerstört oder brannten ab, wenn sie zu nahe der Bahnlinie lagen.

Schlimmer sah es am Schlachthof nach einem Bombenangriff aus, denn der lag unmittelbar neben den Gleisen zum Bayerischen Bahnhof. Dort liefen dann verletzte Kühe und Schweine schreiend umher, andere lagen tot oder zerfetzt in den Gattern.

Angst hatten alle Marienbrunner vor einem Treffer auf die Gasometer, doch bis Kriegsende blieben diese unversehrt.

Nachbarschaftskinder 1942.
Inge Hagen, Peter Baier, Frank Müller, Rolf Biermann, Norbert Müller.

1947 Skilaufen vor der Markthalle.

Erinnerungen Marienbrunn (Teil 2) - die Zeit im 2. Weltkrieg und sein Ende

von Frank Müller, 29. März 2016, 15. April 2016

Zu Marienbrunn möchte ich im Nachhinein einige Erinnerungen aufzählen. Sie erfolgen indes nicht chronologisch, sondern so, wie sie mir wieder eingefallen sind.

Jugendliche im Alter von 8 bis 16 sammelten nach den Bombenangriffen Stabbrandbomben ein. Man wusste genau, welche einen Sprangsatz hatten oder nur Sprühbomben waren. Den Jugendlichen fehlte damals die feste Hand der Väter. Diese waren tot oder an der Front. Wir liessen am Völkerschlachtdenkmal die Stabbrandbomben aus 10 Meter Höhe hinab. Die explodierten dann und es gab ein buntes Feuerwerk. Man entfernte aus den Bomben auch den Zünder und entfernte in dem achteckigen Bombenrohr die runden Magnesiumtabletten. Wenn man diese ins Feuer warf entwickelte sich eine Hitze von fast 2000 Grad. Den Italienern, die im Gasthaus Marienbrunn untergebracht waren, warfen wir unauffällig unter ihre im freien stehenden Kochtöpfe solche Tabletten. Es gab dann plötzlich ein intensives Feuer und der Kochtopf bekam ein Loch, so dass das Essen herauslief. Das war unsere Rache, weil die Italiener nachts Igel Bingen und diese dann verspeisten.

An der Tabaksmühle befand sich die Bäckerei Schmidt. Haus und Betriebsgebäude wurden gegen Kriegsende durch Bomben zerstört. Als Kinder spielten wir in der Ruine.
Am Ende der Tabaksmühle war bis vor Kriegsende ein Lager, Zwangslager, für ausländische Frauen. Später war dort eine Anlage für Kleingärtner.

Am 17. April 1945 sah ich den ersten Toten in meinem Leben. Es war ein farbiger GI. Er lag tot vor seinem Panzer an der Ecke Gletschersteinstrasse. Ein Deutscher hatte mit einer Panzerfaust den Panzer vom Völkerschlachtdenkmal abgeschossen. Es war ein sehr junger Soldat. Ich sehe noch immer das reine Weiss seiner Augäpfel. Es hat mich sehr lange berührt. Nach der Kapitulation wurden vom Denkmal herab Lebensmittel hinunter geworfen. Es hiess damals, für die Stadt seien für längere Zeit Lebensmittel der verschiedensten Art dort gelagert. In den ersten Tagen nach der Kapitulation herrschte ziemliches Chaos. Wochen Später war für uns Jungen das Völkerschlachtdenkmal, Völkscher genannt, ein Treffpunkt. Wir kletterten an der Vorderfront herauf. Mein Lieblingsplatz war hinter dem Schild des Michael. Dort befand sich eine Art Bank, die allerdings 45 Grad schräg war und man nicht so gut dort sitzen konnte.

Im März-April 1945 haben Volkssturm-Gruppen in der Strasse Am Bogen zur Tabaksmühle hin Strassengräben ausgehoben; etwa 1,5 m tief. Die wurden wenig später zugeschüttet.

Am Bogen, wo wir wohnten, kannte man nur wenig eingefleischte Nazis. Die meisten waren Mitläufer. Uns gegenüber wohnte Familie Rossberg. Herr Rossberg war bei der SS. Fast jeden Nachmittag kam er in seiner senfgelben Uniform aus dem Haus. Die Breecheshosen gebügelt, die Lederstiefel gewichst. Auf dem Kopf trug er eine Mütze mit dem Totenkopf drauf'. Ich fürchtete mich vor ihm, doch mit seinen beiden Söhnen Klaus und Peter Rossberg spielten wir.

Unsere Nachbarin Frau Langendorf war Zeugin Jehofas. Sie wurde eines Tages abgeholt. Als Kind konnte ich sie nicht leiden, ich habe ihr sogar die Kürbisse in ihrem Garten zerstochen, doch das tat mir dann sehr leid und ich war froh, dass sie alsbald wieder freigelassen wurde.

Am Bogen 43 wohnte die Familie Büttner. Es waren Edelnazis. Die Töchter trugen dicke Zöpfe und lange wollene Röcke. Bei Gelegenheit gingen sie immer wieder in der Siedlung herum und verkauften NS-Embleme, z.B. für KDF und Ähnliches. Diese Menschen wirkten jedoch nicht aggressiv, mehr idealistisch, was freilich nicht besser war, wenn man den politischen Hintergrund bedenkt.

Unser Hausarzt hiess Dr. Kamnetzki. Er war mit meinen Eltern befreundet. Mein Vater hatte ihn eindringlich gebeten, Deutschland zu verlassen. Was aus ihm letztendlich geworden ist, wissen wir nicht.

In den letzten Wochen vor der Kapitulation warfen die Alliierten mehrmals wöchentlich Flugblätter ab. Es war verboten, diese Flugblätter aufzulesen und mit nachhause zu nehmen. Wir taten es trotzdem und informierten uns.

Der Italiener Sebastian Botticelli, der täglich bei uns war, stand eines nachmittags mit meiner Mutter hinter dem Haus zum Garten hin. Plötzlich zog der Italiener meine Mutter ruckartig zur Seite. Im gleichen Augenblick schlug ein Geschoss in die Hauswand ein. Es war genau in der Herzhöhe meiner Mutter. Rückwärtig zum Lerchenrain hin wohnte die Familie Wagner, die war sehr linientreu. Einer von ihnen wollte meine Mutter erschiessen. Das Projektil lag nur unweit der Einschussstelle. Meine Mutter trug es jahrelang als Andenken an einer Kette am Hals. Anzeige erstattete meine Mutter nicht, obgleich diese Tat nach 1945 geschah.

Anfang April 45, den genauen Tag weis ich nicht mehr, nahm man ein starkes Geräusch aus der Luft wahr. Meine Mutter rief uns nach draussen. Am Himmel war ein Geschwader von vielleicht 300 Bombenflugzeugen. Der Himmel war verdunkelt und alles vibrierte von dem Flugzeuglärm. Wenig später hatte der Ver- band der Alliierten Leuna plattgemacht. Kilometerhohe Rauchsäulen zeigten das Desaster an.

Am 18. April standen die Amerikaner am Völkerschlachtdenkmal. Tage vorher gab es dort chaotische Zustände. Jugendliche bemächtigten sich der herumstehenden Panzerspähwagen. Starteten diese und fuhren im Park herum. Deutsche Soldaten warfen ihre Uniform und ihre Waffen fort. Fast in jedem Gebüsch fand man Ledergurte mit den dran befindlichen Pistolen. Kistenweise lagen Munition der verschiedensten Grössen umher. Verwirrte deutsche Soldaten schossen sinnlos und wild umher.

Mein Bruder und ich standen am 18. April vor dem Völkerschlachtdenkmal. An den Seitenhängen lagen überall amerikanische GI?s mit angelegtem Karabiner. Es befanden sich etwa 20-30 Deutsche aus dem Wohnumfeld dort und diskutierten mit den Amerikanern. Plötzlich kam meine Mutter mit dem Fahrrad hinzu. Sie begann auf den amerikanischen Offizier einzureden. Sie sagte dann, sie mache Frieden und fahre mit dem Fahrrad und einer weissen Flagge um das Denkmalbecken. Der GI nickte und meine Mutter fuhr mit dem Rad um das grosse Becken und schwang das weisse Tuch. Mein Bruder und ich waren kalt vor Angst, denn im Denkmal befanden sich mehrere hundert deutsche Soldaten unter Oberst Poncet. Die umstehenden Leute sagten, die Frau ist verrückt, die Deutschen knallen sie ab. Nach etwa 10 Minuten kam unsere Mutter zurück. Es war nichts passiert. Die Leute klatschten jetzt Beifall. Meine Mutter war sichtlich erschöpft und sagte "Jungs, wir gehen jetzt nach Hause!".

Ihre Aktion hatte Erfolg. Stunden später vereinbarten die Amerikaner mit Poncet einen Abzug, der Krieg in Leipzig war zu Ende. Meine Mutter hatte dazu beigetragen, dass die Kampfhandlungen auch in der Innenstadt beendet wurden. Über diesen Vorgang hat die "Leipziger Volkszeitung" im April 2015 einen Beitrag gebracht.

Deutschlands jüngste Soldaten im Winter 43.
In der Mitte Frank Müller.

Erinnerungen Marienbrunn (Teil 3)

von Frank Müller, 15. April 2016, 2. Oktober 2016 und 13. Dezember 2016

Als 8-10jähriger habe ich mich sehr für Tiere interessiert. Unter anderem für Schmetterlinge. Ich sammelte die Raupen der verschiedensten Falter und brachte sie zuhause bis zur Verpuppung. Einige Falter spiesste ich dann auf. Diese kamen dann in einen Schmetterlingskasten. Einen solchen Kasten hatte mir der Kunstmaler Franz Schmidt-Kahring, ein Freund meiner Grossmutter, geschenkt. Er wohnte in Connewitz, gleich die erste Strasse hinter dem Friedhof. Schmidt-Kahring hat fast alle Tiere für Brehms-Tierleben gemalt. Nach dem Krieg lebte er verarmt.
Am Lerchenrain befand sich hinter dem Garagenhof eine Anlage von Maulbeerbüschen. Die hatten die Seidenraupenzüchter Marienbrunns angelegt. Im Gartenverein Süd-Ost gab es in meiner Kindheit sehr schöne Sommerfeste. An einem dieser Sommerfeste hatten die Marienbrunner Seidenzüchter eine kleine Ausstellung arrangiert. Als 9-jähriger war ich begeistert von dieser Arbeit. Ein Mann fragte mich, ob ich ein paar Seidenraupeneier möchte. Ich bejahte und er gab mir in einem Tütchen etwa einen Teelöffel voll mit den bläulichen Eiern. Sie sahen aus wie Mohnkörner. Nach Anweisung breitete ich diese Eier an einer warmen lichten Stelle auf einem Teller aus. Nach einer Woche kamen winzige schwarze Räupchen zum Vorschein. Von den Maulbeerbüschen am Lerchenrain holte ich kleine zarte Blättchen und legte sie den Räupchen zum Fressen vor. Das ging nun alles Schritt für Schritt. Nach 5 Wochen waren aus den kleinen Räupchen ringfingerdicke weißliche dicke Raupen geworden. Auf unserem Dachboden am Bogen 5 waren mehrere Quadratmeter von diesen Raupen belegt. Wenn ich frisches Futter brachte ging ein leises Rauschen der Fressgeräusche ins Ohr. Meine Mutter war so großzügig, dass sie mir das alles erlaubte. Als sich die Raupen in einen Kokon eingesponnen hatten las ich sie von den Zweigen ab und schickte sie an die Zentralstelle ein. Nach 2 Wochen erhielt ich 13 Mark für meine Mühe. Nun wohnte am Dohnaweg ein Ehepaar Geiler. Dieses Ehepaar, besonders der Mann, beobachteten mich beim Raupen sammeln oder Schmetterlinge fangen. Sie sprachen mich an. Herr Geiler stellte sich als Dr. Heinz Geiler vor, Professor an der zoolog. Fakultät Leipzig. Er bat mich, für die Fakultät Raupen zu sammeln. Da Geilers keine Kinder hatten, kümmerten sie sich rührend um mich. Und ich war beglückt, dass mein Steckenpferd solche Beachtung gefunden hatte. Prof. Geiler hat später mehrere Bücher über Insekten veröffentlicht. Das Ehepaar besuchte mich sogar nach meiner Flucht in Stuttgart, wo ein Symposium für Wissenschaftler stattfand; das war 1958.

Wir wurden 1943 eingeschult und gingen zunächst nach Stötteritz in die dortige Schule, ein Riesenbau. Wir hatten noch Lehrer Franze, ein böser Nazi, der den Kindern auf die Finger schlug und sie an den Ohren zog.

1948 wurde dann das Barackenlager an der Märchenwiese unsere "neue" Schule. Die Klassenzimmer hatten einen Ofen, die Holzdielenböden waren geölt. Das Tollste für uns Schüler war der neue Klassenlehrer. Er hiess Hektor Schäfer und war 12 Jahre älter als wir.

Als Erstes bot uns Hektor Schäfer das Du an. Das war nun etwas völlig Neues, dass die Schüler ihren Lehrer duzten. Das Verhältnis Lehrer-Schüler entwickelte sich jetzt total neu und anders als gewohnt. Wir liebten unseren Hektor und wären für ihn durchs Feuer gegangen. Er war immer für uns da. Nach der Schule bot er Tonbandkurse an und in dem verwilderten Gelände hinter der Schule zur Bahn hin machten wir wilde Verfolgungsjagden. Wir fuhren mit den Rädern in die Dübener Heide und wohnten in einem Heulager 2 Wochen lang. Hatte einer kein Rad, wurde beratschlagt, wie man eines besorgen könne. Hektor veranstaltete Schulfeste und mancherlei mehr. Als er von der SED genötigt werden sollte in die Partei einzutreten, protestierten wir Schüler. Wirf schrieben Drohbriefe an Parteigenossen. Letztendlich musste er nicht in die Partei eintreten.

Nach der Wende organisierte ich in Marienbrunn ein Klassentreffen, zu dem natürlich auch Hektor eingeladen wurde. Es war ein herzliches Wiedersehen.
Später hatte ich noch 2-3 Jahre Brief- und Telefonkontakt mit Hektor. Da sein Augenlicht immer schwächer wurde, war nur noch Telefonkontakt möglich. Vor fast 3 Jahren starb er in einem Heim in Markkleeberg. Er bleibt unvergessen!

... nun zu weiteren Bewohnern und Geschäften in Marienbrunn:

Der Friseur Ecke Triftweg-Zwickauer Str. hieß Groschop. Der Sohn Peter ging mit mir in die Schule. Groschop soll heute in Leipzig und Berlin mehrere Filialen betreiben.

Das Fischgeschäft Böse kenne ich noch gut. Einer der Schwestern war die Schulfreundin meiner Mutter, Käte Böse. Sie ging später in die Schweiz als Reitlehrerin.

Ecke Triftweg/Rotkäppchenweg wohnte Familie Riede. Riedes hatten 2 Kinder. Eines davon war Joachim. Joachim war Jahrgang 1932 (?). Er fuhr damals ein Motorrad einer englischen Marke mit Gangschaltung neben dem Tank. Wir nannten es "Blutblase", weil es sehr laut war.

Durch Joachim Riede fand ich eine Lehrstelle als Feinmechaniker bei Heinlein der Seeburgstrasse. Joachim Riede war ein totaler Gegner des DDR-Regimes. Er und mein Schulfreund Peter Kühnert sassen oft beieinander. Joachim plante einen Anschlag auf Walter Ulbricht. Er hatte sogar ein Gewehr besorgt. Bei allem Verständnis gegen das Regime ging uns das, meinem Freund Peter und mir, zu weit. Wir wollten da nicht mitmachen. Meine Mutter war entsetzt, als ich ihr davon erzählte.

Joachim Riede heiratete später eine Tochter von Bertuchs. Diese waren eine Zeitlang Verwalter der Gartenvorstadt. Joachim ging nach seiner Hochzeit bald nach Westdeutschland. Ich traf ihn Ende der 50iger Jahre in Stuttgart, wo viele Leipziger lebten. Bei einer Motorrad-Tour durch Mexiko verunglückte er später an der Vergiftung einer Pflanze in einem Pflanzenpark.

In der Baumessesiedlung wohnten einige unbequeme Jugendliche, die andere, jüngere bedrohten. Einer davon war Günther Pause. Er war sehr aggressiv und liess unter Androhungen keinen Jungen an sich vorbei. Ich konnte zum Glück immer mit meinem 4 Jahre älteren Bruder auftrumpfen und kam so ohne Schaden davon.

Für viele Marienbrunner Jugendliche war auch die Kregelstrasse ein rotes Tuch. Es war sehr gefährlich, diese Strasse ungefährdet durchzugehen. Ganze Gruppen von renitenten Jugendlichen warteten dort nur darauf, andere zu schlagen. Es war ein Problem-Bezirk.

Familie xxx wohnte Am Bogen hinter der Gaststätte Marienbrunn. Frau xxx, damals schätzungsweise zwischen 50 und 60 verteilte die Lebensmittelkarten. Die Familie war sehr linientreu und Frau xxx horchte überall die Einwohner aus. Als meine Mutter und mein Bruder nach Westdeutschland gegangen waren, drohte sie meiner Grossmutter (mit der ich zusammen wohnte) an, wenn ihr Enkel Frank auch nach Westdeutschland will, werde ich der Stasi Bescheid geben. Dies geschah dann auch, denn die Briefe, die ich von meiner Mutter bekam, waren vorher alle über Wasserdampf geöffnet und auf ihren Textinhalt untersucht worden. Im September 1955 musste ich meinen Ausweis abgeben und mich wöchentlich in der Wächterstrasse bei der Stasi melden. Ich musste ein Dekret unterschreiben welches Gefängnis- und Geldstrafe bei Republikflucht androhte und durfte mich nicht mehr als 50 km von meinem Wohnort entfernen. Im Dezember 1955 einen Tag nach Weihnachten floh ich mit dem Fahrrad nach Westberlin.

An der Ecke Dohnaweg/Turmweg befand sich das Haus der Familie Buschnakowski. Mit Andreas Buschnakowski war ich befreundet. Die Familie war sehr musikalisch. Als Buben sagten wir, die Buschnakowskis haben sogar Noten auf dem Klopapier. Nach der Wende suchte ich die Familie auf. Ich traf nur die Mutter von Andreas an. Sie war schon alt und grau geworden. Sie erzählte mir, dass Andreas Organist geworden sei und eine Stelle in Chemnitz hat.

Für die Kinder und Jugendlichen Marienbrunns waren die Braunkohlenteiche eine interessante Freizeit-Adresse. Das Baden dort war indes verboten. Daran hielten sich jedoch die Wenigsten. In diesen Teichen fanden sich auch Unmengen von Fischen; Karpfen, Barsche usw. Wir Buben gingen frühmorgens dorthin und Ringen Fische bevor der Feldaufseher kam. Als Angel diente eine dünne Plastikschnur. Den Angelhaken musste man aus einer gebogenen Stecknadel in die zuvor der Widerhaken eingehauen wurde, selbst herstellen.

Meine Generation erhielt noch Konfirmations-Unterricht bei Pfarrer Kröning. Der hat mich auch getauft. Der Pfarrer konnte sich oft nicht durchsetzen, gegen uns freche Jungen. Es gab dann manchen Ärger, den wir im Nachhinein bereuten. Mit seiner Tochter Brigitte, gleicher Jahrgang korrespondierte ich nach der Wende. Sie lebte als verheiratete Petersen in Stolberg. Der Kontakt brach später ab, als ihr Mann gestorben war.

Am Lerchenrain hatte Familie Rehschuh ein schönes Haus. Der Treppenaufgang war mit blind geätzten Fenster gestaltet. Rehschuhs waren Obst-und Gemüse-Grosshändler auf dem Leipziger Grossmarkt. Ihre beiden Töchter Ute und Ingrid waren mit unserer Familie vertraut. In den 50iger Jahren ging die Familie nach Frankfurt. Ute Rehschuh wurde Opernsängerin. Sie starb bei einer Gebirgstour im Himalaya.

Das Problem nach dem Krieg war Essen. Ein 2-Pfund-Brot kostete 120.- Mark. 1 Zigarette 5-8 Mark. Als Rindiger Junge durchstreifte ich die Gegend und fand immer wieder Pilze, Champignons oder Röhrlinge. Meine Mutter verkaufte sie an die Nachbarschaft, und hoffte, dass sie das Pilzgericht überleben.

Überall, soweit es möglich war, hielt man Kaninchen oder Hühner. Unser Nachbar namens Koark war der Schlächter dieser Tiere. Man brachte das Kaninchen zu ihm hin, lebend und warm, und erhielt Stunden später einen nackten fleischigen Hasen ohne Fell. Das Fell bekam man dazu. Wir Kinder weinten jedesmal, doch gegessen haben wir den Hasen trotzdem.

Unser Klassenprimus hieß Bernd Bergmann. Die Familie wohnte in einem der ersten Häuser am Denkmalsblick. Durch Zufall fand ich Bernd Bergmann in den 90iger Jahren. Er lebte in der Nähe von Hechingen und hatte mit seinem Partner eines der grössten Softwarehäuser in der BRD gegründet.

Jugendliche nach dem Krieg waren nicht besser als zu einer anderen Zeit. Die Älteren unter uns bastelten kleine Bomben mit Karbid, die dann in die Gullis geworfen wurden und den Gullideckel hochhoben. Zudem gab es einen erheblichen Knall und Rauch. Es fehlten die Väter, die noch in Gefangenschaft waren oder tot.

Aus Unkrautex und selbst hergestellter Holzkohle mischten sich die Jungen ein explosives Knallpulver. Von der Mischung wurde eine teelöffelgrosse Menge auf einen Stein gelegt, ein anderer Stein darüber und dann musste man einen weiteren grossen Stein draufwerfen. Es gab dann nicht nur einen erheblichen Knall, der Stein flog auch mehrere Meter weit fort.

Der Einkauf von Lebensmitteln erfolgte in Marienbrunn damals über verschiedene Geschäfte. Es gab Leonhard, Feustel, Bösch und Kleeberg. Am Triftweg gab es den Konsum und an der Märchenwiese Westphal. Fleisch und Wurst kaufte man bei Kleeberg, Dohnaweg.

Die Familie Sippenauer betrieb damals das Gasthaus Marienbrunn. Eine Zeitlang gab es dort wöchentlich Tanzabende, die gut besucht wurden. Man konnte auch dort mit einem Krug Bier holen. Der schöne Biergarten wurde eigentlich nie mehr benutzt.

Am Bogen wohnte ein paar Jahre Frau Eschenbach mit ihren beiden Söhnen. Christoph Eschenbach ist heute einer der bedeutendsten Dirigenten und Klavier-Interpret. Die Familie kam aus Schlesien nach Marienbrunn.
Seit meinem Fortgang von Leipzig 1955 habe ich ein ziemlich turbulentes Leben gehabt. Meine Ausbildung zum Feinmechaniker in Leipzig war mir zunächst eine Lebensgrundlage. Ich schulte um ins grafische Gewerbe. In Leipzig schon hatte ich an der Kunst-Akademie Zeichenkurse genommen. 1958 trat ich dann meine erste Stelle in einer Stuttgarter Werbeagentur an wechselte mehrmals die Stelle und machte mich 1961 selbstständig mit einem Atelier für Text und Grafik. Mit 24 verdiente ich soviel Geld, dass ich mir einen lockeren Alltag leisten konnte. Bis 1967 führten mich viele Reisen nach Skandinavien unter anderem. Das viele Geld, das ich verdiente, hatte in mir einen Gedanken losgetreten, dass das nicht alles im Leben sein kann. Durch meinen Freund, den Schriftsteller Robert Crottet, gelangte ich dann nach finnisch Lappland. In Deutschland hatte ich alle Zelte abgebrochen und wollte nur noch in der Tundra leben.

Ich hielt es aber nur 1 Jahr aus und musste einsehen, dass ich nie ein Lappe werden könne. Im National-Museum in Stockholm kam mir die Idee, Lehrer für Kunst und Kunsthandwerk zu werden. Ich ging nach Deutschland zurück, holte mein Abitur nach und begann das Studium auf Lehramt an der Päd. Hochschule in Lörrach. Dort lernte ich meine Frau kennen. Fast vor Studienende wurde mir bewusst, dass dieser statische Beruf Lehrer doch nichts für mich ist. Meine spätere Frau wollte auch nicht weitermachen. Wir ließen uns exmatrikulieren, heirateten und ich begann meine Ausbildung zum Töpfer/Keramiker an der Staatlichen Fachschule für Keramik in Landshut. Nach diversen Anstellungen in Schulen als Lehrer machte ich dann meine Meisterprüfung und mich selbständig in Bad Säckingen. Dort betrieb ich dann das Töpferhandwerk bis 2005.

Das Leben und wir darin gehen viele Wege. Nicht jeder eingeschlagene Weg wird zum Ziel führen. Letztendlich ist unser aller Leben ein Versuch.

Meine Mutter mit meinem Bruder und mir, am Beckenrand des Völkscher.


Text: Frank Müller / Fotos: Frank Müller